Dienstag, 30. Januar 2018

Gestern mit Schnaps, heute ohne

Gestern vor der Arbeit füllte ich mir etwas von unserem selbst angesetzten Granatapfeil-Feige-Schnaps in eine leere 0,5-Liter-Flasche. Es schimmerte in einem schönen Rosaton. Ein hübsches Getränk. Auf der Arbeit lud mich mein Chef über den Kalender zu einem Meeting mit dem Titel "Weitere Zusammenarbeit" ein. Ich werde gekündigt, das war mir klar, ein sehr diplomatischer Titel dafür. YES! Dann brauche ich es selbst nicht mehr zu tun. Alle Hoffnung darauf zerschlug sich, er wollte diesen Termin mit dem böse Assoziationen hervorrufenden Titel nur nutzen, um sich selbst als hart arbeitender Mensch, der sich aus dem Moloch hochgearbeitet hat, nutzen. Und dabei noch ein wenig implizieren, welch ein doofer Mensch ich doch bin ("Wollen Sie später mal einen Beruf, wo Sie nachdenken müssen oder wollen Sie ungelernte Tätigkeiten verrichten? Strengen Sie sich mal mehr an!"). Tut mir Leid, Entschuldigung, kommt nicht wieder vor. Meine Entschuldigungen waren nicht ausreichend, irgendetwas passte ihm daran nicht, ich musste es ein paar Mal sagen, aber das reichte wohl auch nicht, stattdessen der Vorwurf: "Sie zeigen nicht einmal Reue". Mir kamen die Tränen, und meine Abscheu war mittlerweile so groß, dass ich sie laufen ließ und mich dazu verpflichtet fühlte, Wahrheiten auszuplaudern, die im Grunde niemanden etwas angehen. Er sah mich nicht mehr an, er fürchtete sich jetzt vor mir. Meine Stimme zitterte noch immer, als ich aufgehört hatte zu weinen. Immerhin hatte er nun den Beweis für meine Reue.

Ich ging zurück in mein Büro, und als die Kollegin kurz um die Ecke war, gönnte ich mir einen großen Schluck Granatapfel-Feige, es schmeckte gut, war aber stärker als erwartet, und ich hatte gefühlt einen Doppelten intus. Der machte sich ein bisschen bemerkbar, ich hatte nicht viel gefrühstückt, aber es wird wohl niemand etwas gemerkt haben. Ein bisschen asozial fühlte ich mich schon damit, und dann noch ein bisschen Angst, irgendwann Alkoholikerin zu werden. Naja, an diesem Morgen machte er mich ein kleines bisschen lebendiger und ich stand den Tag durch. Wieder einer dieser Sätze, die mir Angst machen: Das klingt nun wirklich nach einer Sucht.

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